Der schattenlose Mann von Dinkelsbühl
Ein stilles Verschwinden in einer Stadt, die niemals vergisst.
The English version of “The Shadowless Man of Dinkelsbühl” is available here.
Manfred Ihring war ein Mann, der vom Gestern geformt worden war. Einer von der Sorte, die ihren Kaffee schwarz trinken, die Geschichte von jedem Riss im Gehweg kennen und sich noch daran erinnern, als die Bäume auf dem Marktplatz kleiner waren.
Er lebte allein oben in einem schiefen alten Haus in der Segringer Straße. Von seinem Dachfenster aus konnte er die Stadtmauer und den Pulverturm sehen. Das Haus knackte manchmal, als würde es im Schlaf atmen. Seine Jacken rochen nach Pfeifenrauch und langen Wintern. Es machte ihm nichts aus.
Jeden Abend, genau dann, wenn die Glocken von St. Georg neunmal schlugen, trat er vor die Tür. Immer derselbe Weg. Entlang der alten Wehrmauer, vorbei an der Mühle, durch das Rothenburger Tor.
In Dinkelsbühl wirken solche Gewohnheiten nicht seltsam. Die ganze Stadt besteht aus Erinnerung, steilen Dächern, krummen Fachwerkfassaden und schmalen Gassen, die selbst vergessen zu haben scheinen, wohin sie führen. Es ist ein Ort, der sich für dich erinnert, selbst wenn du es lieber nicht willst.
Dann kam jene Nacht. Ende Oktober. Die Luft war kalt und roch nach nassem Holz und Laub, das schon anfing weich zu werden. In der Rosengasse blieb Manfred stehen. Einfach so. Nicht wegen etwas, das er gesehen hätte.
Sondern wegen etwas, das nicht da war.
Sein Schatten.
Er hob die Hand. Drehte sich langsam einmal um sich selbst. Nichts folgte ihm. Die alte Gaslaterne über ihm flackerte, blieb aber an. Das Licht floss über ihn hinweg wie Wasser über Stein. Doch hinter ihm lag nichts. Kein dunkler Umriss. Kein Nachbild auf dem Pflaster.
Er ging nach Hause, ohne seinen Spaziergang zu beenden. Vielleicht spielten ihm seine Augen einen Streich. Vielleicht war es das Alter. Vielleicht war da überhaupt nichts.
Am nächsten Tag stand er am Brunnen im vollen Sonnenlicht. Die Leute gingen an ihm vorbei. Sie alle hatten Schatten. Nur er nicht.
Er sah hinunter auf seine Schuhe, auf die Steine vor seinen Füßen. Nichts. Keine Kante. Kein Umriss. Kein Saum aus Dunkel.
Die Leute fingen an, es zu bemerken. Erst mit nervösen Blicken, dann mit Schweigen.
Der Bäcker lächelte nicht mehr, wenn Manfred den Laden betrat.
Die Kinder unterbrachen ihr Spiel, sobald er vorbeiging.
Einmal hörte er, wie ein kleines Mädchen seinem Bruder zuflüsterte:
„Da kommt der Mann ohne Schatten.“
Er hörte es. Er sagte nichts.
Es tat nicht weh.
Es fühlte sich eher an, als würde etwas von ihm abgezogen. Schicht um Schicht.
Dann begannen andere Dinge zu geschehen. Kleine Dinge, aber falsche.
Im Spiegel war nichts mehr von ihm zu sehen. In der Kälte stand kein Atem vor seinem Mund. Und der alte Holzboden in seiner Wohnung, der sonst bei jedem Schritt geknarrt hatte, blieb unter ihm stumm.
Er träumte. Seltsame Dinge. Von Gassen unter der Stadt, die sich wanden wie Wurzeln. Von Tunneln, die nirgendwohin führten. Und von etwas, das dort unten auf ihn wartete. Etwas, das sich an ihn erinnerte. Etwas, das er einst mit sich getragen hatte.
Er hörte auf, ans Telefon zu gehen. Er öffnete den Briefkasten nicht mehr. Angst war es nicht. Nicht wirklich. Eher das Gefühl, aus der eigenen Stelle gerückt worden zu sein. Wie ein Buch in einer Bibliothek, das vor langer Zeit falsch einsortiert wurde und seitdem von niemandem mehr gefunden wird.
Dann kam Allerheiligen.
Der Nebel lag in dieser Nacht schon früh über der Stadt und blieb. Alles war gedämpft. Selbst die Glocken klangen, als kämen sie von sehr weit her.
Er ging.
Und in der Rosengasse, unter derselben flackernden Laterne, war er da.
Sein Schatten.
Allein an der Mauer stehend.
Er bewegte sich kaum, nur ein wenig, wie flimmernde Hitze über Asphalt. Manfred trat näher. Die Gestalt passte nicht zum Licht. Sie brauchte das Licht nicht.
„Ich habe gewartet“, sagte der Schatten.
Seine Stimme war nicht laut, aber er hörte sie klar und deutlich. Nicht in seinen Ohren. In seinen Rippen.
„Du hast mich vergessen. Aber ich habe dich nicht vergessen.“
Manfred antwortete nicht. Was sollte man auch sagen zu etwas, das einen ein Leben lang begleitet hat, bis es eines Tages beschließt, dass man es nicht länger verdient?
Der Schatten kam näher. Nicht schnell. Nur … entschlossen. Mit jedem Schritt wurde die Luft kälter. Nicht auf der Haut. Tiefer. Es war die Art von Kälte, die sich in Worte legt. Die Gedanken gefrieren lässt, noch ehe sie zu Ende gedacht sind
„Du hast dich selbst zurückgelassen“, sagte er. „Stück für Stück. Bis nichts mehr übrig war, das noch einen Schatten werfen konnte.“
Manfred nickte.
Denn es stimmte.
Und dann war er verschwunden.
Am nächsten Morgen stand sein Haus leer. Keine Spuren eines Kampfes. Keine Nachricht. Nichts. Die Polizei meinte, er habe die Stadt wohl verlassen. Die Sache wurde zu den Akten gelegt.
Aber die Leute in Dinkelsbühl reden noch immer davon.
Man sagt, in nebligen Nächten könne man nahe dem Wörnitztor einen Schatten ohne Mann sehen. Langsam gleitet er über das Pflaster, stetig und lautlos. Es sieht aus, als trüge er einen Hut. Und manchmal steht er da wie einer, der früher einmal Geschichte gelehrt hat.
Wenn du ihn siehst, bleib nicht stehen.
Manche sagen, er suche jemanden. Jemanden, dessen Schatten er sich leihen kann. Vielleicht nur für eine Weile.
Vielleicht für immer.
Dinkelsbühl vergisst nicht.
Nicht einmal das, was verschwunden ist.



