The English version of “The Klogmuada” is available here.
Dies ist eine düstere Nacherzählung einer alten Geschichte aus Pentling, die ursprünglich nicht von mir stammt.
Der Regen war weitergezogen, doch im Dorf war er noch überall.
Noch tropfte Wasser von den Dachrinnen. In den Fahrspuren stand schwarzer Schlamm. In ein paar wenigen Fenster brannte noch Licht trüb hinter ihrem Glas, aber die meisten waren längst dunkel und jenseits der letzten Häuser waren die Felder unter der Nacht nur ein noch tieferes Schwarz. Die Luft roch nach nasser Erde, Mist und kaltem Stein.
Lorenz kam die Straße herauf, mit nassen Stiefeln und schmerzenden Beinen und dachte an nichts als an Schlaf.
Er hatte die Angewohnheit, an Türen zuerst zu lauschen, bevor er sie öffnete.
Sie hatte begonnen, als er noch ein Junge gewesen war, nach einer nassen Nacht, in der jemand geklopft hatte und sein Vater ihnen gesagt hatte, sie sollten es ignorieren. Danach sprach nie jemand darüber, wer draußen gestanden hatte oder wie lange. Lorenz hatte wach gelegen und darauf gehört, wie das Klopfen verstummte und seitdem hatte er keinen Riegel mehr heben können, ohne zuvor stillzustehen und zu lauschen, ob nicht vielleicht schon etwas da war.
In jener Nacht war er länger geblieben, als er ursprünglich geplant hatte.
Nicht, weil er viel getrunken hätte. Nur lange genug, um die Nässe aus seinen Kleidern und die Arbeit des Tages aus den Schultern zu bekommen. Im Wirtshaus hatte sich das Gespräch in den üblichen Kreisen gedreht: Wetter, Schlamm, ein zerbrochenes Rad, wessen Kuh krank geworden war, ob die Straße bei der Kapelle jemals die Mühe wert sein würde, die sie kostete. Lorenz hatte wenig gesprochen. Er war müde und es gab Abende, an denen die Müdigkeit so tief in ihm saß, dass selbst die Stimmen anderer Menschen klangen, als kämen sie von weit her.
Als er aufstand, um zu gehen, hatte sich der Raum schon gelichtet. Der alte Huber saß bei seinem Bier und sein stumpfes Auge blickte leer in den Raum. Jemand, der am Ofen saß sagte Lorenz, er solle sich im Schlamm nicht den Hals brechen. Jemand anders lachte. Lorenz zog den Mantel an, nickte niemand Bestimmtem zu und trat hinaus in die nasse Dunkelheit.
Für eine kleine Weile war nichts seltsam.
Daran erinnerte er sich später. An das Gewöhnliche der Nacht. An das Wasser, das von den Dächern fiel. An einen halb zugedeckten Karren neben einer Mauer. An Licht hinter einem Vorhang, wo irgendeine Familie noch nicht schlafen gegangen war. An den weichen schmatzenden Klang des Schlamms unter seinen Stiefeln. Einmal kam er an einem Haus vorbei, von dem er wusste, dass die Kinder noch wach waren, weil er oben eines husten hörte, gefolgt vom gedämpften Murmeln der Mutter.
Es war Pentling, so wie er es immer gekannt hatte. Müde. Eng. Halb im Schlaf.
Er ging mehr aus Gewohnheit als aus Gedanken, eine Hand strich im Vorbeigehen über die feuchten Zaunbretter. An seinem eigenen Tor würde er stehenbleiben, lauschen, den Riegel heben und hineingehen. Der Gedanke an diese kleine Ordnung (Tür, Stille, Bett) freute ihn mehr, als er je zugegeben hätte.
Dann kam er zur Rundkapelle.
Als er sie erreichte, hörte er jemanden flüstern.
Er blieb sofort auf der Stelle stehen.
Zuerst dachte er, eine Frau hätte die Zeit vergessen, während sie betete. Dann lauschte er noch einmal und spürte, wie etwas in ihm kalt wurde. Ein Gebet hat seine eigene Form, selbst wenn man die Worte nicht versteht. Dieses Geräusch hatte keine. Es stockte, brach ab und begann wieder, als versuche ein Mund, sich an das Sprechen zu erinnern.
Er blickte zur Mauer der Kapelle.
Dort stand etwas, klein und gebückt, dunkel vor der weißen Rundung des Steins.
Für einen Augenblick hielt er es für ein Bündel alter Tücher, das im Nassen liegengeblieben war. Dann wandte sich der Kopf ihm zu.
„Wer ist da?“, rief er.
Keine Antwort kam. Nur das Flüstern.
Die Gestalt löste sich von der Mauer und begann, auf ihn zuzukommen.
Ihre Schritte waren kurz und schleifend und doch kam sie schneller näher, als sie sollte. Das war das erste Seltsame an ihr. Nicht die Gestalt. Nicht die Stunde. Die Art, wie sie sich bewegte. Ein Körper, der sich so bewegte, hätte langsamer sein müssen. Dieser war es nicht. Schlamm klebte an etwas, das der Saum eines Rocks hätte sein können. Die Hände hingen tief und bleich herab. Dann erhaschte Lorenz ein Gesicht oder zumindest einen Teil davon. Eingefallene Wangen. Ein Mund, der nicht aufhören wollte, sich zu bewegen.
Er trat ein paar Schritte zurück.
Sie kam weiter.
Er trat noch einmal zurück und das Flüstern kam mit ihr über den Schlamm, dünn und gleichmäßig, ohne je an- oder abzuschwellen, als habe das Ding die ganze Nacht Zeit dafür und ihn erwählt, bevor er es überhaupt wusste.
Lorenz drehte sich um und rannte.
Einmal rutschte er in der Gasse aus und fing sich an einem Zaunpfosten. Seine Schulter schlug so hart gegen das Holz, dass ihm der Arm taub wurde. Hinter ihm kam das weiche, nasse Schleifen jener Schritte. Nicht hastig. Nicht stolpernd. Nah. Zu nah.
Er rannte durch Mühlbauers Hof, flitzte durch den zerwühlten Boden am Schweinestall vorbei und erreichte die Scheune seines Vaters, das Herz so heftig schlagend, dass er es bis in die Kehle spürte. Seine Hand glitt vom Riegel ab. Dann noch einmal. Das Flüstern war jetzt so nah, dass er Atem darin hörte.
Für einen blinden Augenblick glaubte er, die Tür würde verschlossen bleiben und das Ding bekäme ihn dort im Dunkeln zu fassen..
Dann gab der Riegel nach.
Er stolperte hinein, zog die Tür hinter sich her und ließ den Balken an seinen Platz fallen.
Mit einem Schlag war er von Dunkelheit umgeben.
Die Scheune roch nach Heu, Staub, feuchtem Holz und altem Lederzeug. Lorenz stand mit beiden flachen Händen gegen die Tür gedrückt und lauschte, den Mund offen, ohne Luft zu holen, die er hätte spüren können.
Eine kleine Weile lang war draußen nichts.
Dann berührte etwas die Bretter.
Kein Klopfen.
Keine Krallen.
Eine Hand.
Sie glitt langsam von Brett zu Brett, tastete die Fugen ab, geduldig wie ein Blinder, der nach einem Riegel sucht, der nicht da ist. Lorenz schloss die Augen und biss sich auf die Innenseite der Wange, bis er Blut schmeckte.
Das Flüstern kam durch die Ritzen.
Sehr leise. Sehr nah.
Er konnte kein einziges Wort verstehen. Das war schlimmer, als Worte es gewesen wären. Es klang, als wolle etwas um jeden Preis gehört werden und könne den eigenen Mund nicht zum Gehorsam zwingen.
Dann hörte es auf.
Die Hand hielt ebenfalls inne.
Für ein oder zwei Atemzüge war draußen nichts und in dieses Nichts hinein beugte sich Lorenz, ohne es zu wollen, so wie er es sein Leben lang getan hatte: an die Fuge, um zu lauschen.
Sofort erkannte er seinen Fehler.
Auch auf der anderen Seite war etwas nahe herangekommen. Es bewegte sich nun nicht. Es lauschte.
Er hörte keinen Atem. Er spürte seine Aufmerksamkeit in den Brettern, genau dort gehalten, wo sein eigenes Gesicht schwebte. Dann berührte, sanft, fast neugierig, eine Fingerspitze das Holz auf der Höhe seines Ohrs.
Lorenz machte da einen kleinen, hilflosen Laut und fuhr zurück.
Das Flüstern begann wieder, nun tiefer und glitt langsam an der Ritze entlang, als suche es nach der Stelle, an der sein Lauschen gewesen war.
Lorenz blieb dort stehen, bis grauer Morgen in den Spalten sichtbar wurde.
Seine Mutter fragte, warum er krank aussehe. Sein Vater fragte, warum die Scheune von innen verriegelt gewesen sei.
Lorenz log und er tat es schlecht.
Bis zum Mittag hatte das Dorf gehört, dass er bei der Kapelle etwas gesehen hatte.
Niemand beanspruchte die Geschichte für sich. Sie verbreitete sich auf die Weise, wie solche Dinge sich verbreiten: von Tür zu Tür, über Zäune, quer über einen Hof, auf dem Wäsche feucht und reglos hing, hinein in Küchen, in denen Frauen mit Mehl an den Händen innehielten, um zuzuhören. Im Wirtshaus an diesem Abend blieb das Gespräch gedämpft und entfernte sich nie weit von der Straße bei der Kapelle.
Der alte Huber, der ein stumpfes Auge und ein scharfes hatte, hörte zu, bis Lorenz geendet hatte und fragte dann nur: „Um welche Zeit?“
„Mitternacht.“
Huber nickte einmal.
Das genügte, um den Raum zum Schweigen zu bringen.
Danach veränderte sich Pentling, wenn auch nicht auf einmal.
Kinder wurden früher hereingerufen. Männer verließen das Wirtshaus paarweise, ohne zu sagen, warum. Fensterläden wurden geschlossen, bevor der Himmel ganz dunkel war. Lampen blieben länger in den Küchen brennen. Wenn die Kirchturmuhr sich Mitternacht näherte, legte sich eine Art Lauschen über das Dorf, auch wenn niemand es zugegeben hätte.
Dann tauchten andere Geschichten auf, jede erzählt, als sei sie die Mühe kaum wert.
Ein Knecht, der nahe am Rand der Felder wohnte, sagte, er habe Flüstern unter seinem Fenster gehört und niemanden gesehen, als er nachsah. Eine Frau an der oberen Straße sagte, nach Einbruch der Dunkelheit habe etwas an ihrem Tor gestanden, doch sie habe nur die Gestalt gesehen, nicht das Gesicht. Ein Junge, der losgeschickt worden war, Anzündholz zu holen, kam bleich um den Mund zurück und wollte in jener Nacht nicht noch einmal hinaus.
Lorenz sagte nichts über die Hand an der Scheunentür. Manche Dinge schienen, wenn man sie aussprach, näher zu kommen.
Drei Nächte später ging er wieder hinaus.
Er wusste es besser. Er ging trotzdem.
Die Angst in ihm war zu einem Haken geworden. Sie zog an ihm ebenso sehr, wie sie ihn warnte. Er nahm den Weg an der Schmiede entlang und stellte sich dorthin, wo die Mauer ihn im Schatten hielt und ihm zugleich Sicht auf die Kapelle und die Straße davor gab.
Die Dorfuhr begann zu schlagen.
Mit dem letzten Schlag war sie da.
Lorenz sah nie, wie sie gekommen war. Im einen Augenblick war die Straße leer. Im nächsten stand sie vor der Kapellentür, gebückt und still, das Gesicht zur schmalen Ritze gesenkt, wo das Holz auf den Stein traf. Das Flüstern glitt in diese Ritze so sanft wie Atem in ein Ohr.
Sie stand der Tür zu nah. Kein lebender Mensch hätte so nahe dagestanden.
Dann wandte sie sich ab und trat auf die Straße hinaus.
Sie irrte nicht umher. Sie ging von Haus zu Haus.
Am ersten Tor blieb sie stehen und flüsterte dorthin. Am nächsten Haus legte sie nur die Fingerspitzen an die Tür und ließ sie langsam an der Fuge entlanggleiten, als wüsste sie ganz genau, wo Holz der Dunkelheit wich. Als sie die Hand wieder wegnahm, konnte Lorenz das Flüstern noch einen Moment lang in der Ritze hören, als habe die Tür es selbst aufgenommen. Bei einem anderen Haus stand sie unter dem Fensterladen, das Gesicht nach oben geneigt, als lausche sie dem Atmen dahinter. Das ganze Dorf schien um sie her stillzuhalten. Kein Hund bellte. Kein Riegel wurde gezogen. Einmal begann irgendwo im Dunkeln ein Kind zu weinen und wurde so schnell zum Schweigen gebracht, als habe man ihm die Hand auf den Mund gelegt.
Lorenz sah, wie sie Schmidts Haus erreichte. Sie blieb dort lange stehen, eine Hand an der schmalen dunklen Linie zwischen Tür und Rahmen. Nach einiger Zeit hörte er einen kleinen Laut durch die Straße tragen. Nicht den Riegel. Nicht die Tür. Nur wie die Klinke einmal nachgab und wieder zurücksank.
Dann hob sich ihr Kopf.
Langsam drehte sie sich zur Schmiedemauer.
Zu ihm.
Lorenz wartete nicht. Er brach aus dem Schatten hervor und rannte.
Das Flüstern hinter ihm veränderte sich. Es wurde nicht lauter. Es wurde schneller, stolperte nun über sich selbst, begierig. Er hörte die schleifenden Schritte hinter sich und darunter noch ein anderes Geräusch, wie nasser Stoff, der auf nassen Boden schlägt.
Er floh an den letzten Häusern vorbei hinaus zu den Feldern, wo die Straße breiter wurde und die Dunkelheit sich zu öffnen schien. Der Schlamm klammerte sich an seine Stiefel. Kalte Luft riss ihm die Kehle auf. Er blickte einmal zurück und sah mit jener Art von Angst, die keinen Raum fürs Denken lässt, dass sie viel zu nahe war.
Gebückt. Schleifend. Aufholend.
Er hatte nur Zeit, diese Unmöglichkeit zu begreifen, bevor sein Fuß unter ihm wegrutschte und er hart auf ein Knie in den Schlamm fiel. Schmerz schoss ihm das Bein hinauf. Er fuhr herum.
Sie hatte die Dunkelheit zwischen ihnen beinahe überquert, ohne sich überhaupt zu bewegen zu scheinen.
Jetzt lagen nur noch wenige Schritte zwischen ihnen.
Auf dem offenen Feldweg sah er sie besser als zuvor und wünschte, er hätte es nicht getan. Das Gesicht wirkte eingefallen und als hätte es zu lange kein Tageslicht gesehen. Die Haut hatte etwas Gespanntes, Verwahrtes, wie etwas, das lange weggeschlossen gewesen war. Der Mund arbeitete unaufhörlich. Etwas Nasses glänzte am Kinn. Die Augen saßen zu tief, als sei der Kopf hinter ihnen ausgehöhlt.
Eine Hand streckte sich nach ihm aus.
Die Finger öffneten sich langsam, fast sanft, als wolle sie ihm aufhelfen.
Das Flüstern verdichtete sich. Für einen krankmachenden Augenblick glaubte Lorenz, den Anfang eines Wortes darin zu hören. Kein Wort. Etwas, das einmal ein Wort gewesen sein könnte.
Er kroch rückwärts durch den Schlamm, die Hände bis zu den Handgelenken darin versinkend, sein Atem kam in hässlichen, gebrochenen Zügen. Sie kam näher und mit ihr kam ein Geruch nach nassem Lehm, kalter Fäulnis und alten Kellern, die nach Jahren wieder geöffnet werden.
Hinter ihm flammte in einem Hof an der Straße eine Laterne auf.
Eine Männerstimme rief: „Wer ist da?“
Das Ding blieb stehen.
Nicht überrascht. Nicht wie ein erschrockenes Wesen.
Es blieb stehen, als sei es an eine Grenze gekommen, die es nicht überschreiten wollte.
Lorenz sah, wie das Laternenlicht eine Seite jenes Gesichts traf. Die Haut dort wirkte dünn wie Papier. Dann wich sie einen Schritt zurück, dann noch einen, immer noch flüsternd und wandte sich vom Licht ab.
Im nächsten Augenblick nahm die Dunkelheit sie auf.
Danach kamen weitere Geschichten auf und keine von ihnen wurde kühn erzählt.
Eine Frau hörte Flüstern unter ihrem Fensterladen und lag bis zum Morgen still, statt ihren Mann zu wecken und es wieder beginnen zu hören. Ein Junge sah etwas am Tor und wollte nicht sagen, was es war, nur, dass es gewartet habe. Der alte Huber sagte, es gebe Stellen in Dörfern, an denen der Boden sich an das erinnere, was die Leute vergessen wissen wollten.
Zu diesem Zeitpunkt hatten die meisten Leute einen Namen für sie.
Die Klogmuada.
Sie sagten ihn leise.
Dann begannen die Straßenarbeiten vor der Kapelle.
Es hätte gewöhnlich genug sein sollen. Männer mit Schaufeln. Ein Karren für Steine. Schlamm, Fluchen, harte Arbeit. Aber vom ersten Morgen an beobachteten die Leute es von ihren Türen aus, als habe der Boden vor der Kapelle kein Recht, geöffnet zu werden. Lorenz arbeitete dort unter den anderen und empfand sofort Widerwillen gegen den Ort. Die Erde war widerspenstig. Zu hart an einer Stelle, zu weich an der nächsten. Die Schaufel traf auf Widerstand, wo sie hätte einsinken sollen. Schwarze Wurzeln kamen mit der nassen Erde herauf.
Der Boden fühlte sich unter ihren Stiefeln falsch an. Zu gespannt. Zu verschlossen.
An diesem Abend blieb Lorenz zurück, um die Werkzeuge abzudecken.
Die anderen gingen zum Wirtshaus. Ihre Stimmen verklangen. Die Kapelle stand blass im schwindenden Licht und der Graben davor lag schwarz in der Straße. Lorenz beugte sich über das Wagenseil und spürte, noch bevor er etwas sah, dass er nicht mehr allein war.
Sie stand auf der anderen Seite des Grabens.
Die Klogmuada.
Still wie ein Pfahl, in die Erde getrieben.
Ihr Kopf war zum geöffneten Boden gesenkt. Das Flüstern ging weiter, nun aber leiser, kaum mehr als Atem, der über eine aufgesprungene Lippe streicht. Lorenz konnte sich nicht bewegen. Er stand da, das Seil in einer Hand und sah zu.
Dann hob sie einen Arm und deutete in den Graben.
Kälte rann ihm vom Nacken den Rücken hinunter.
Es lag etwas in dieser Geste, das ihn festhielt, wo er war. Es war keine Warnung und kein Befehl.
Das Flüstern hörte auf.
Zum ersten Mal, seit er sie gesehen hatte, war überhaupt kein Laut zu hören.
Dann wandte sie ihm ihr Gesicht zu.
Was daraus blickte, war keine Wut. Das wäre leichter zu ertragen gewesen. Es war etwas, das hungriger war als Wut.
Der Mund öffnete sich weiter. Was daraus kam, war nun kein Flüstern mehr, sondern ein dünner, zerrissener Schrei, als müsse sich der Laut selbst durch die Erde krallen.
Sofort kam sie um den Graben herum.
Schneller als zuvor. Schleifend, taumelnd und doch auf unbegreifliche Weise schnell, eine Hand nach vorn gestoßen. Schlamm schwang vom dunklen Saum ihres Rocks, wenn es denn ein Rock war. Lorenz schrie auf und rannte, während er hinter sich hörte, wie der zerrissene Schrei wieder in jenes hastige Flüstern zerbrach.
Er hielt nicht an, bis er das Wirtshaus erreichte.
Die Männer dort fuhren fluchend hoch, weil er so hereinstürzte. Dann sahen sie sein Gesicht und verstummten.
Am nächsten Morgen wurden die Knochen gefunden.
Eine Schaufel traf auf etwas, das kein Stein war. Die Arbeit hielt an. Die Männer knieten nieder und räumten die Erde mit den Händen fort. Noch bevor jemand es wollte, sprach es sich herum. Bis der Schädel frei aus dem Schlamm trat, hatte sich das halbe Dorf an der Straße versammelt.
Lorenz stand unter ihnen und sah, wie sich die Erde von einer hohlen Augenhöhle löste, von einem Kiefer, von Rippen, die in die Erde zusammengesackt waren. Ein Armknochen lag an einer Seite. Teile eines Menschen, lange im Boden gelegen, die langsam wieder ans Licht kamen.
Niemand sagte viel.
Manche bekreuzigten sich. Einer der Arbeiter spuckte aus und trat zurück. Der alte Huber nahm seine Mütze ab und hielt sie schweigend mit beiden Händen.
Niemand dort wusste irgendetwas mit Sicherheit. Das spielte keine Rolle. Die Angst war längst am Werk und fügte eines ans andere mit einer ruhigeren Hand, als es jeder Beweis je vermocht hätte.
Bis zum Abend wusste jedes Haus in Pentling, dass vor der Kapelle Knochen gefunden worden waren.
In jener Nacht löschte niemand früh das Licht.
Lampen brannten in den Küchen. Laternen hingen in den Höfen. Männer blieben wach, ohne so zu tun, als gebe es dafür einen guten Grund. Lorenz saß voll angezogen auf der Kante seines Bettes, den Fensterladen geschlossen, eine Lampe auf dem Tisch neben sich.
Mitternacht kam.
Die Kirchturmuhr schlug.
Er lauschte.
Nichts antwortete.
Kein Flüstern an der Straße. Keine schleifenden Schritte im Schlamm. Keine Hand, die in der Dunkelheit an den Brettern einer Tür entlangtastete. Das Dorf blieb still und zum ersten Mal gehörte die Stille nur der Nacht.
Die nächste Nacht verging auf dieselbe Weise.
Und die nächste.
Danach ließ es nach, auch wenn niemand hätte sagen können, woran man es festmachte. Ein Fensterladen blieb ein wenig länger offen. Ein Kind durfte noch draußen bleiben, bis das letzte Licht verschwunden war. Männer gingen wieder allein vom Wirtshaus nach Hause, auch wenn die meisten von ihnen auf dem Weg einmal zur Kapellenstraße hinübersahen.
Lorenz kam danach oft an der Rundkapelle vorbei - im Regen, im Frost, in der flachen weißen Dunkelheit von Winterabenden.
Dort stand nichts. Nichts flüsterte.
Und doch mochte er diesen Straßenabschnitt um Mitternacht nicht. Wenn er ihn nehmen musste, ging er schnell, hielt sich in der Mitte und sah nicht auf den Boden vor der Kapellentür, wo die Erde einst geöffnet worden war.
Und nach jenem Jahr öffnete Lorenz nie mehr eine Tür sofort.
Er blieb zuerst davor stehen und lauschte.
Nicht auf Schritte.
Sondern auf das, was auf der anderen Seite vielleicht schon still war.
Und einmal, als er spät nach Hause kam, bei Regen ganz wie bei jenem ersten Regen, stand er vor seiner eigenen Tür und wusste mit plötzlicher kalter Gewissheit, dass, was auch immer dahinter gewesen war, genau in dem Augenblick verstummt war, in dem er zu lauschen begonnen hatte.
Er ging sofort hinein.
Danach lauschte er nie wieder lange genug, um es zu wissen.
Anhang: Der dokumentierte Kern der Sage
1. Der schmale dokumentierte Kern
Am sichersten lässt sich zunächst sagen, dass die Sage keine Erfindung des Internets ist. Eine Pentlinger Sage mit dem Titel „Die Klogmuada“ erscheint im Inhaltsverzeichnis von Gustl Motykas Sagen und Legenden aus dem Land um Regensburg und eine spätere regionale Sammlung unheimlicher Stoffe von Julia Kathrin Knoll und Christian Greller enthält „Die unheimliche ‘Klogmuada’ von Pentling“. Auch die zugehörige Kapelle in Pentling ist real und dokumentiert: Die bayerische Denkmalliste verzeichnet die Kapelle St. Maria nahe der Hauptstraße als Rundbau mit Kegeldach aus dem Jahr 1649 und die Gemeindeseite beschreibt sie ebenfalls als Pentlings Rundkapelle beziehungsweise Weg- und Votivkapelle aus dem Jahr 1649.
2. Die überlieferte Sage
Über die sich überschneidenden modernen Nacherzählungen hinweg, die ich direkt überprüfen konnte, ergibt sich als stabiler Sagenkern folgende Abfolge: Eine unheimliche weibliche Gestalt oder Erscheinung soll in Pentling um Mitternacht im Zusammenhang mit der Rundkapelle und den benachbarten Dorfstraßen erschienen sein; bei Straßenarbeiten vor der Kapelle in den 1970er Jahren wurde angeblich ein Skelett gefunden. Danach, so heißt es, habe die Heimsuchung aufgehört. Das ist der engste gemeinsame Erzählkern, der in mehreren zugänglichen Quellen wiederkehrt.
3. Spätere Ausschmückungen oder unsichere Zusätze
Mehrere Details begegnen erst in späteren populären Nacherzählungen und sollten nicht als gleichermaßen gesichert gelten. Dazu gehört, dass die Erscheinung ausdrücklich eine kleine alte Frau gewesen sein soll, ausdrücklich hässlich, flüsternd oder klagend und imstande, Todesfälle oder Unglück vorherzusagen. Ebenso die schärfere Behauptung, das vor der Kapelle gefundene Skelett sei ausdrücklich das einer alten Frau gewesen, die einem Verbrechen zum Opfer gefallen sei. In den Quellen, die ich direkt überprüfen konnte, erscheinen diese Details in späteren populären Zusammenfassungen, während der ältere Druckbeleg, auf den ich zugreifen konnte, im Wesentlichen nur über Inhaltsnachweise sichtbar war und nicht als vollständig kritisch gesicherter Text der Sage selbst. Aus diesem Grund sollten diese Details als überlieferte oder ausgeschmückte Sage markiert bleiben und nicht zu gesicherter historischer Tatsache gemacht werden.



